Das Feuer der Erde schuf eine Insel der Naturwunder.
Schon beim Anflug kommt ein wenig Sciencefictionstimmung auf: Da taucht aus dem stahlblauen Meer plötzlich dieses Gebilde aus kahlen, beigegrauen Hügelketten auf, aus schwarzen Lavafeldern und Kratern, als ob ein wütender Titan einen Meteoritenschwarm hinabgeschleudert hätte, eine Mondlandschaft voll unwirklicher Farben und Formen, auf die schnell ziehende Wolken ihre Schatten werfen, gesäumt von der Gischt des anbrandenden Ozeans.
Lanzarote ist schon auf den ersten Blick anders als die anderen Kanaren, die bereits in der Antike wegen ihres Klimas als »glückliche Inseln« galten.
Doch welche Kräfte hier einst am Werk waren, die die viertgrößte der sieben Islas Canarias in eine unwirtliche Einöde verwandelten, erschließt sich Besuchern erst vom Boden aus.
Als am 1. September 1730 die Katastrophe begann, notierte der Priester Andrés Lorenzo Curbelo aus dem Dorf Yaiza: »Zwischen neun und zehn Uhr abends öffnete sich die Erde am Timanfaya. In der ersten Nacht erhob sich ein enormer Berg aus dem Erdenschoß, aus dessen Spitze Flammen schlugen, die neunzehn Tage lang brannten. Ein Lavastrom floss über Timanfaya (...) nach Norden.« Fast sechs Jahre lang hielten die Vulkanausbrüche schließlich an und gehören damit zu den gewaltigsten der jüngeren Erdgeschichte.
Schon im Tertiär, vor gut zwanzig Millionen Jahren, drängten beim Auseinanderdriften der Kontinentalplatten Afrikas und Amerikas riesige Mengen Basaltmagma durch die Bruchlinien der Erdkruste nach oben und ließen die beiden ältesten Inseln des Archipels, Fuerteventura und Lanzarote, entstehen. Seitdem sind die Kanaren nie völlig zur Ruhe gekommen. Doch keine andere Insel wurde zu historischer Zeit so heftig heimgesucht wie Lanzarote. Über 20 Prozent des 795 km² großen Eilands wurden bis 1736 verschüttet, Lava und Asche gaben diesem Teil eine neue Gestalt.
Obwohl sich die Insel von Nordost nach Südwest nur etwa 60 km und von West nach Ost gerade mal 20 km weit ausdehnt, gibt es viele Landschaften, die sich deutlich voneinander unterscheiden: Endlose Schlacke- und Aschefelder bedecken vor allem den Westen. Der Süden ist trocken, nur sehr dünn besiedelt und wegen seiner goldenen Traumstrände um El Papagayo bei Urlaubern überaus beliebt. Die Inselmitte wird für ihre kuriosen Weinanbaugebiete um La Geria gerühmt und läuft an der Ostküste in die kalkweißen Touristenhochburgen Puerto del Carmen und Costa Teguise aus, die ihrerseits die Hauptstadt Lanzarotes, Arrecife, einrahmen. Überraschend bunt und üppig breitet sich schließlich der Norden um die Kleinstadt Haría aus, die das Zentrum der Agrarregion bildet. Nicht zu vergessen sind die drei Eilande La Graciosa, Montaña Clara und Alegranza, die sich nach Norden hin wie Farbkleckse aus Lanzarotes Palette gelöst zu haben scheinen.
Fast die Hälfte der Landschaft steht mittlerweile unter Naturschutz, und 1993 wurde Lanzarote gar als erste Insel der Erde vollständig von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt.
Das milde Klima ist dem Nordostpassat zu danken. Die warmen Winde tragen Wolken in 600 bis 1700 m Höhe mit sich, die sich an den Hängen der hohen kanarischen Berge stauen und abregnen können. Pech für Lanzarote: Gerade mal 671 m misst der höchste Berg, der Peñas del Chache im nördlichen Gebirge Risco de Famara. Wolken und Wind mildern aber immerhin die Hitze. Der Kanarenstrom, ein kühlerer Rückstrom des Golfstromsystems, wirkt zudem ausgleichend auf die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen. So bewegt sich denn auch der Durchschnitt der Tageshöchsttemperaturen zwischen milden 20 Grad im Dezember und warmen 29 Grad im August. Das Meer verlockt mit 17 bis 22 Grad zu ganzjährigem Badespaß.
Kein Zweifel, dass sich die mittlerweile 114 000 Lanzaroteños von den Erträgen der heimischen Scholle und vom Fischfang allein nicht mehr ernähren können. Anfang der 60er-Jahre eröffnete sich mit dem allmählich einsetzenden Tourismus eine neue Perspektive, die Lanzarote den einzigen Weg in eine gesicherte Zukunft wies. Gut drei Viertel der Menschen leben heute von den jährlich 1,5 Mio. Gästen, die auf Lanzarote ihren Urlaub verbringen.
Entlang der Südostküste wuchsen mehrere Ferienzentren heran.Meerwasserentsalzungsanlagen haben die leer geschöpften Brunnen ersetzt und sorgen für Trinkwasser, das mit hohem Energieaufwand gewonnen und in die entferntesten Winkel der Insel transportiert wird. Windkraftanlagen recken sich in den Himmel, Asphaltbänder schneiden durch die Lavafelder.
Dennoch gelang es den Lanzaroteños, ähnliche Bausünden wie die Touristenghettos auf Gran Canaria und Teneriffa weitgehend zu vermeiden. So durften lange Zeit keine Häuser mit mehr als vier Stockwerken errichtet werden. Zu verdanken ist dieses kluge Maßhalten besonders einem Mann: César Manrique. Der große Maler, Bildhauer und Architekt sorgte auch dafür, dass die meisten Dörfer heute den Betrachter wieder in klassischen Farben anstrahlen: weiß die Fassaden, grün die Fenster und Türen.
365 Tage im Jahr Strand, Spaß und Rummel können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lanzarote mehr als alle anderen Kanaren eigentlich ein Ort der Enthaltsamkeit, Muße und Stille ist. Dies drückt sich in den Gesichtern der Landbevölkerung aus, Menschen, denen das Schweigen ins Gesicht geschrieben steht: dem Bauern, der mit dem Eselspflug stoisch den Staub umgräbt; der Bäuerin, die endlose Feigenkaktusreihen aberntet; den alten Männern, die täglich auf der Dorfplaza sitzen und den Tag an sich vorüberziehen lassen.
Setzen Sie sich doch einmal zu ihnen, auch wenn Sie kein Gespräch führen wollen. Beobachten Sie eine Weile die Umgebung aus deren Blickwinkel, erleben Sie die Kontakte der Lanzaroteños untereinander. Sie werden bemerken, wie eng die Bande zwischen den Generationen auf dem Land noch sind, wie locker der Umgang miteinander ist, wie selbstverständlich der Respekt zwischen Jung und Alt. Das Lanzarote von einst lebt immer noch in seinen Nischen fort, und nur dem, der es mit offenen Augen und Ohren sucht, dabei auch einmal innehält, offenbart die Insel ihren ganzen Zauber.
Über die Urbevölkerung der Insel weiß man nicht viel. Was sich auf Lanzarote vor Ankunft der Europäer abspielte, liegt auch heute noch weit gehend im Dunkeln. Die hier Majos genannten Altkanarier kamen in mehreren Einwanderungswellen etwa ab dem 3. Jh. v. Chr. aus Nordafrika und entstammten den dort noch immer ansässigen, hellhäutigen Berbervölkern. Was sie nach Lanzarote und auf die anderen kanarischen Inseln verschlug und mit welcherart Schiffen sie kamen, darüber herrscht noch immer Rätselraten.
Schon als der Genueser Seefahrer Lancelotto Malocello 1312 seinen Fuß auf die Insel setzte, lebten die knapp Tausend Majos vom Fischfang, den sie vom Ufer aus betrieben. Sie bauten zudem Getreide an, das in primitiven Mühlen zu gofio verarbeitet wurde, dem Grundnahrungsmittel der Altkanarier. Ziegen und Schafe sorgten für Abwechslung auf dem Speiseplan. Für das tägliche Leben und die Jagd dienten ihnen Werkzeuge aus Stein oder Knochen. Metalle waren unbekannt. Höhlenartige Behausungen wurden ins Erdreich gegraben oder aus den Felsen gekratzt und boten Schutz vor Wind und Wetter. Ein guanarteme, eine Art König oder Häuptling, herrschte über die Bevölkerung. 1402 begann der für Spanien segelnde Normanne Jean de Béthencourt auf Lanzarote die Eroberung des Kanarischen Archipels. In kurzer Zeit wurden die Majos unterworfen, getötet oder versklavt.
Der tägliche Kampf ums Überleben änderte sich nicht. Als geniale Entdeckung stellte sich jedoch die Technik des enarenado, der »mit Sand bestreuten« Felder, heraus. Diese lanzarotische Erfindung des Trockenanbaus bedient sich des porösen picón, murmelgroßer Vulkansteinchen, die als Auswurfprodukt der Eruptionen megatonnenweise in der Landschaft herumliegen. Wie ein Schwamm entziehen die Steinchen den Passatwinden nachts die kostbare Feuchtigkeit und geben diese dann tagsüber an die Pflanzenwurzeln ab.
Getreide und Gemüse - darunter Mais, Tomaten und Zwiebeln - sowie Tabak werden bis heute auf diese Weise angebaut, wenn auch praktisch nur noch für den Eigenbedarf, da die Landwirtschaft ökonomisch immer mehr an Bedeutung verliert. Doch verdanken die Bauern dem enarenado auch den großen Erfolg ihres Weinbaus.