Spannende Vielfalt einer Inselkultur
Bananen
Ende des 19. Jhs. wurden im Norden von La Gomera die ersten Bananen, plátanos, gepflanzt. Sie lösten das bis dahin in Monokultur gehaltene Zuckerrohr ab, dessen Anbau zunehmend unrentabel geworden war. Lange Jahre erzielten die Plantagenbesitzer mit einer kleinen und wohlschmeckenden Sorte gute Profite. Doch seit einigen Jahrzehnten macht ihnen die Konkurrenz aus Südamerika mit wesentlich größeren und billigeren Früchten schwer zu schaffen, sodass die Früchte fast ausschließlich auf den Inseln verkauft werden.
Fauna
Von wild lebenden Landsäugetieren existieren auf La Gomera und El Hierro nur wenige Arten. Häufig dagegen sind Reptilien, angeführt von der bis zu 70 cm großen Hierro-Riesenechse, der fast schwarzen Kanareneidechse und dem farbenfroh glänzenden Kanarenskink. Die hier vorkommenden Geckos, die mit ihren saugnapfartigen Fingern an der Zimmerdecke entlanglaufen können, haben ein für die jeweilige Insel typisches Aussehen. Die artenreichste und vielfältigste Wirbeltiergruppe stellen die Vögel, darunter der unscheinbar grünbraune Kanarienvogel, aus dem die verschiedenen, oft zitronengelben Haustierrassen gezüchtet werden. Die wirbellosen Landtiere sind durch einige auffällige Insekten wie den Monarchfalter, den Nashornkäfer oder die Gottesanbeterin vertreten.
Flora
Mehr als 2000 Pflanzenarten gedeihen in den fünf verschiedenen Vegetationsstufen der Insel La Gomera, unter ihnen 700 endemische, d. h. nur hier heimische. Die erste Stufe bildet der Lorbeerwald mit Baumheidebuschwäldern im Zentralmassiv, der nach Süden in Kanarenkiefernwälder übergeht. In Richtung Küste schließen sich der thermophile Buschwald, der Sukkulentenbusch und die Küstenvegetation an. Auf La Gomera existiert nur ein einziges Exemplar des sagenumwobenen Kanarischen Drachenbaums drago, einer Lilienart, die mehrere Hundert Jahre alt werden kann, während man auf El Hierro den heiligen Baum der Ureinwohner häufiger antrifft. In den Gärten finden Sie eine Blumenpracht aus Bougainvillea, übermannshohem Weihnachtsstern, Hibiskus, Goldkelch, Feuerranke und vielen anderen prächtigen Gewächsen, die Ihnen zum Teil als Zimmerpflanzen vertraut sind, die Sie wegen ihrer beachtlichen Größe hier aber kaum wieder erkennen werden. Keine andere Pflanze aber prägt das Bild von La Gomera so wie die Kanarische Dattelpalme. Es wurden 120 000 Palmen gezählt, das sind mehr als auf allen anderen Kanarischen Inseln zusammen. Begünstigt durch den Wasserreichtum und durch strenge Gesetze geschützt, sind sie überall auf der Insel zu finden. Für die Gomeros war die vielseitige Nutzpflanze schon immer ein wertvoller Besitz. Die Datteln wurden an die Schweine verfüttert und die abgeernteten Fruchtstände zu Besen zusammengebunden. Die gehäckselten Palmwedel dienten als Ziegenfutter, und die aufgespleißten Mittelstege fanden beim Korbflechten Verwendung. Vor allen Dingen aber liefern sie den süßen Palmensaft guarapo.
Garajonay Exprés
Das Schnellboot verkehrt seit Anfang 2003 drei Mal täglich zwischen Los Cristianos auf Teneriffa und La Gomera mit den Zielhäfen San Sebastián, Playa de Santiago und Valle Gran Rey und benötigt dafür gerade eine Stunde; Residenten fahren noch günstiger. Die Kehrseite: Die Expressfähren verursachen immer wieder Kollisionen mit Walen, weshalb Tierschützer dafür plädieren, auf die langsamen Fähren oder Busse umzusteigen. Doch Fahrgästen, die mit dem Bus zwischen Playa de Santiago und Valle Gran Rey über eine Stunde unterwegs sind, während die Fähre ein Drittel der Zeit braucht und weniger als die Hälfte kostet, dürfte dieser nachvollziehbare Appell nur schwer zu vermitteln sein.
Guanchen
Nachweislich waren die Kanarischen Inseln bereits im 5. Jh. besiedelt. Woher die Ureinwohner kamen, ist heute relativ sicher, es gilt die Theorie, dass sie vom nahen afrikanischen Festland aus übersetzten. Dafür sprechen auch die Übereinstimmungen gefundener Schriftzeichen mit dem Alphabet afrikanischer Berberstämme. Der Name La Gomera weist große Ähnlichkeiten mit dem Namen des marokkanischen Berbervolks Ghomara auf. Allgemein werden die Altkanarier als Guanchen bezeichnet, auf El Hierro nannten sie sich Bimbaches. In der Abgeschiedenheit der kanarischen Inselwelt verharrten sie auf einem steinzeitlichen Niveau. Sie lebten in Stämmen zusammen, die von einem König geleitet wurden, waren Hirten und Sammler und betrieben in begrenztem Maß Fischfang in Ufernähe. Die Eroberung durch die spanischen Konquistadoren im 15. Jh. setzte dieser einfachen und wohl auch sehr friedlichen Kultur ein jähes Ende. Nur Grabhöhlen, Feuerstellen und Felsinschriften sind als spärliche Zeugnisse der Guanchenkultur erhalten geblieben. Auch die ungenauen und oft verfälschten Berichte der Eroberer lassen nur sehr vage Schlüsse zu.
Passatwinde
Vientos alisios werden sie von den Einheimischen genannt, denn zusammen mit dem 22 Grad kalten Kanarenstrom sind sie die Garantie für eine stabile Wetterlage. Sie bescheren den Inseln, die nur ein paar Hundert Kilometer vom heißen Nordafrika entfernt liegen, einen ewigen Frühling und das wohl beste Klima der Welt. Ihren Ursprung haben die Passatwinde am Äquator, wo die senkrecht stehende Sonne die Luftmassen derart erwärmt, dass sie bis in große Höhen aufsteigen und nach Norden und Süden abfließen. Auf ihrem Weg nach Norden kühlen sie ab, sinken dadurch in geringere Höhen und fließen von dort zum Tiefdruckgebiet am Äquator zurück. Die unteren Luftschichten nehmen dabei vom Meer Feuchtigkeit auf. An den höheren Berghängen des Nordostens werden die feuchtkalten Passatwolken dann zum Aufsteigen gezwungen, verwirbeln mit den wärmeren höheren Luftschichten, kondensieren und befeuchten so die Nordosthänge der Inseln.
El Silbo
Die von unzähligen tiefen Schluchten durchzogene Bergwelt von La Gomera hat eine Kommunikation hervorgebracht, die einmalig auf der Welt ist. Um sich über die tiefen barrancos und Täler hinweg verständigen zu können, entwickelten die Ureinwohner eine Pfeifsprache, die durchdringender ist als das gesprochene Wort und bei günstigen Windverhältnissen bis zu 6 km weit zu hören ist. In Notfällen konnte so Hilfe herbeigepiffen werden, und neben Klatsch und Tratsch ließen sich wichtige Nachrichten innerhalb von Stunden über die ganze Insel verbreiten. Als Francotruppen auf La Gomera einmarschierten, diente El Silbo als Geheimsprache für den Widerstand. Gepfiffen wird die spanische Sprache. Tonhöhe und Länge des Pfiffs modulieren die unterschiedlichen Silben. Dabei wird der abgeknickte Zeigefinger in den Mundwinkel gelegt und die Zunge nach hinten gebogen. Die andere Hand bildet einen Schalltrichter. Die sehr hohen Tonlagen erinnern an das Zwitschern von Kanarienvögeln. Nur noch selten hört man heute die markanten Pfiffe in der Bergwelt von La Gomera. Die Generation der Gomeros, die diese Sprache in ihrem alltäglichen Leben noch praktiziert hat, stirbt langsam aus. El Silbo wurde deshalb von der Unesco zum schützenswerten Kulturgut der Menschheit erklärt. An den Grundschulen ist El Silbo mittlerweile Pflichtfach, und 1999 wurde ein erster Wettbewerb der Pfeifkünstler ins Leben gerufen.
Terrassenfelder
Die zerfurchte Topografie auf La Gomera und damit verbunden die Knappheit an Anbauflächen zwang die Bauern schon immer, überall auf der Insel Terrassenfelder anzulegen. Dazu wurden in mühevoller Arbeit große Lesesteine aufeinander geschichtet und ohne Mörtel ineinander verkeilt. So entstanden bis zu 4 m hohe Terrassenmauern, teilweise wahre Meisterwerke der Baukunst. Besonders im Valle Gran Rey ist eine Terrassenlandschaft zu bestaunen, die auf den Kanaren ihresgleichen sucht. Zwischen den Feldern verlaufen Bewässerungskanäle, die nach einem ausgeklügelten System das Wasser verteilen.
Tourismus
Im Gegensatz zu Teneriffa oder Gran Canaria hat sich auf La Gomera und El Hierro ein sanfter Tourismus entwickelt, der den beiden Inseln einen Großteil seiner Ursprünglichkeit und den Einheimischen eine gewisse Unabhängigkeit gelassen hat. Obwohl mancher Tourist, der das Valle Gran Rey noch aus den 1970er-Jahren kennt, sich beim Anblick der heutigen Hotelanlagen entsetzt abwendet, ist in den Orten in der Mitte und im Nordteil von La Gomera noch vieles beim Alten geblieben. Vollkommen gegen den Trend der großen Inseln ist die Situation auf El Hierro, wo der Tourismus eine untergeordnete Rolle spielt. An erster Stelle stehen bei den Herreños nach wie vor die landwirtschaftlichen Kooperativen, der Naturschutz und die kanarische Tradition.
Wasser
Wasser ist ein knappes Gut auf den Kanarischen Inseln. Aufwändig müssen Stollen in die Berge gebohrt werden, um an die Wasservorräte im Innern zu gelangen. Tiefbrunnen und Wasserentsalzungsanlagen kosten eine Menge Geld. Allein La Gomera verfügt über ausreichend Wasser aus natürlichen Quellen. Begünstigt sind besonders die Täler im Norden der Insel und vor allem das Valle Gran Rey, durch dessen oberen Talabschnitt das ganze Jahr über ein kleiner Bach fließt. Von hier wird es in Tanks geleitet und läuft dann durch Bewässerungsgräben auf die Felder. Zusätzlich wird noch Regenwasser in einigen Stauseen aufgefangen.
Wasserknappheit gab es nur zu Zeiten, als über 30 000 Menschen auf La Gomera lebten. Als dann noch Großgrundbesitzer die bis dahin wegen häufiger Piratenüberfälle gemiedenen Taldeltas mit Monokulturen bepflanzten und dafür viel Wasser benötigten, kam es zum so genannten Wasserkrieg. Nach einigen tätlichen Auseinandersetzungen einigte man sich darauf, das Wasser zu teilen. Nachts gehört es jetzt dem oberen Tal und tagsüber rauscht es Richtung Küste.