Die kleine grüne Insel ist ein Wanderparadies mit wilden Schluchten, Palmenhainen und einem märchenhaften LorbeerwaldLa Gomera ist die kleinste und touristisch am wenigsten erschlossene der sieben Kanarischen Inseln.
Der vor der nordwestafrikanischen Küste liegende Archipel ist vulkanischen Ursprungs. Vor etwa 20 Mio. Jahren erhoben sich die ersten Inseln aus dem Meer.
La Gomera ist etwa 10 Mio. Jahre alt und, ebenso wie El Hierro, seit langem ohne Vulkantätigkeit. Die eruptive Entstehung ist der Insel auf den ersten Blick kaum anzumerken: Erosionskräfte wie Wasser und Wind haben im Lauf von Jahrmillionen tiefe Kerben in das Gestein gegraben. In Form von fast 50 Schluchten, den barrancos, fallen sie fächerförmig von der Gipfelregion aus zum Meer hin ab. Im Schutz dieser bis zu 800 m tiefen und kilometerlangen Einschnitte konnten sich unzählige Biotope mit wasserfallartigen Bachläufen und einer artenreichen Pflanzenwelt entwickeln.
In ihren Ausläufern bilden diese Schluchten entweder kleine Buchten in der Steilküste, oder sie weiten sich zu sanften Tallandschaften, wie dem berühmten Valle Gran Rey oder dem Tal von Hermigua. In den Flussdeltas der Täler liegen die wichtigen Ortschaften und die Häfen. Die mächtigen Bergrücken zwischen den barrancos dienen mit ihren Hochebenen als Weideland.
Überragt wird diese zerfurchte Bergwelt von gewaltigen, kegelförmigen Basaltmonolithen, den roques, und einem mächtigen Tafelberg, der Fortaleza. Als erstarrte Schlotfüllungen von Vulkanen, die durch Erosion freigelegt wurden, sind die roques Zeugen der Entstehungsgeschichte der Insel.
Der geringe Durchmesser von nur 25 km lässt die Durchquerung La Gomeras mit dem Auto beim Blick auf die Landkarte zunächst als Kleinigkeit erscheinen. Doch das täuscht: Der wilden Topografie entsprechend krümmen und hangeln sich die schmalen Straßen abenteuerlich und in einer endlosen Folge von Kurven durch die zerklüftete Bergwelt, oft als markante Einschnitte auf direktem Weg durch die Bergrücken gefräst. Sie schlängeln sich in engen Serpentinen die Flanken tiefer Täler entlang, balancieren am oberen Rand von Schluchten oder kurven als Geisterbahn durch den häufig nebelverhangenen Lorbeerwald.
Schwindelfreie und geübte Wanderer finden in so genannten Durchstiegen, die in den Steilwänden der Täler angelegt sind, eine Herausforderung. Schon seit Jahrhunderten dienen sie als direkte Verbindungswege zwischen den mächtigen Bergrücken. In der Weite dieser Hochebenen werden Sie manchmal noch Hirten begegnen, denen die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch eine willkommene Abwechslung ist.
Wer sich auf einem der schmalen Esels- und Ziegenpfade einem abseits gelegenen Dorf nähert, der merkt oft erst beim Näherkommen, dass es verlassen ist - so gut sind die solide aus Naturstein gebauten Häuser noch in Schuss. 30 solcher aufgegebenen Dörfer gibt es auf der Insel. Sie erinnern daran, dass um die Mitte des 20. Jhs. zeitweise bis zu 50 000 Menschen auf La Gomera lebten.
Heute sind es noch knapp 16 000. Neben der bescheidenen Selbstversorgerwirtschaft auf kleinen Feldern fanden sie ihr Auskommen hauptsächlich als Arbeiter in den wechselnden Monokulturen: Vor den Bananen wurde großflächig Zuckerrohr und Wein angebaut. Immer, wenn eine solche Branche aufgegeben wurde, folgte eine Auswanderungswelle nach Venezuela oder Kuba.
Die enge Verbundenheit mit diesen Ländern hat die Kultur auf La Gomera stärker geprägt als das spanische Mutterland, Salsa und Merengue entsprechen dem Lebensgefühl der Menschen. Wer ihren wahren Charakter kennen lernen möchte, muss nur eines der großen Feste besuchen: Da wird ausgelassen gelacht, getanzt und gesungen, für etliche Stunden ist der harte Alltag vergessen. Touristen gegenüber verhält man sich dabei freundlich, aber distanziert.
Die großen Stücke vom Kuchen »Tourismus« teilen sich sowieso Investoren, Hoteliers und Restaurantbesitzer vom Festland, für die Einheimischen fällt allenfalls ein zeitlich begrenzter Arbeitsvertrag ab. Der positiven Lebenseinstellung der Einheimischen tut dies jedoch keinen Abbruch.
Die Herkunft der Urbevölkerung ist umstritten. Eine Theorie spricht von mehreren unabhängigen Einwanderungswellen verschiedener Volksstämme aus dem Mittelmeerraum ab etwa 3000 v. Chr., eine andere, die heute favorisiert wird, datiert die erste Besiedlung durch nordafrikanische Berber auf 500 v. Chr. Nach der europäischen Wiederentdeckung der Inseln gingen viele Zeugnisse des ursprünglichen Lebens verloren oder wurden vernichtet. Die Eroberung durch die Spanier Ende des 15. Jhs. bedeutete für die Überlebenden das Ende ihrer Kultur und Sprache.
La Gomera vereinigt unterschiedliche Klimazonen auf engstem Raum: den regenreichen Norden, das oft nebelverhangene Hochland und den wüstenähnlich trockenen Süden. Alles liegt so dicht beieinander, dass Sonnenanbeter am Strand und nebelfeuchte Wanderer in Regenkleidung häufig nur eine Viertelstunde Autofahrt voneinander trennt.
Zusammen mit dem kühlen Kanarenstrom sorgt der Nordostpassat für eine ganzjährig stabile Wetterlage. Genau das Richtige für sonnenhungrige Touristen, denn die freuen sich auch in den Wintermonaten über das milde Klima eines ewigen Frühlings. Die Temperaturen liegen im Durchschnitt bei 16-20 und im Sommer bei milden 18-25 Grad. Extreme Wetterlagen wie heißer Wüstenwind, sehr kalte Nordwinde oder der oft als Unwetter daherkommende Südwind trüben das Urlaubserlebnis nur selten.
Das landwirtschaftliche Zentrum im reicheren Norden bietet mit alten Kirchen, schmucken Herrenhäusern, Stätten traditionellen Kunsthandwerks und dem Inselmuseum auch etwas für Kulturinteressierte. Eine Weinprobe in einer Winzergenossenschaft oder der Besuch der alten Gofiomühle, wo beim Mahlen gerösteter Mais- und Getreidekörner wunderbare Düfte entstehen, gehören ebenfalls für viele zum Programm.
Der Süden der Insel ist gut abgeschirmt durch die Wetterscheide der Berge und deshalb karg und trocken. Selbst im Winter regnet es sehr selten. Dass es trotzdem nicht zu heiß wird, dafür sorgen das ganze Jahr über laue Fallwinde und das mit durchschnittlich nur 20 Grad kühle Wasser des Atlantiks.
Durch den Nationalpark Garajonay ziehen sich schmale Wanderwege. Dort sind die Schönheiten des uralten, verwunschen anmutenden Lorbeerwalds am besten zu erleben. Doch Vorsicht! Der modrige Geruch von feuchter Humuserde, das plötzliche Aufheulen von Windböen in der ansonsten absoluten Stille der einsamen Waldlandschaft und das in gespenstische Nebel getauchte, bizarre Geäst der mächtigen Baumkronen können einen schon das Gruseln lehren. Nicht umsonst vermuten die Einheimischen an Orten wie der Laguna Grande die Versammlungsplätze der Hexen. Bis heute sind solche Relikte des Naturglaubens im Alltagsleben der Gomeros gegenwärtig. Eine wichtige Rolle spielten die Heilerinnen, curanderas, die bis in die jüngste Vergangenheit mit Gebeten, Heiligenbeschwörungen, magischen Ritualen und Kräutern Wunderheilungen an Kranken bewirkt haben sollen.
Viele zieht es nach einem Ausflug in die Berge am Abend an die Playa del Inglés im Valle Gran Rey. Die wilde Felslandschaft des etwas abseits gelegenen Strands ist eine ideale Kulisse für Sonnenuntergänge. Meist überzieht ein goldener Schimmer das Meer, und die Wolken färben sich leuchtend orangerot.
Landschaftliche Vielfalt und unzählige reizvolle Details machen aus der auf den ersten Blick »kleinen« Insel letztendlich doch eine »große«, auf der es viel zu entdecken gibt. Selbst wer fast täglich zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs ist, wird bald feststellen, dass sogar ein mehrwöchiger Urlaub nicht ausreicht, die Faszination von La Gomera in all ihren Facetten zu erleben.