Ein Querschnitt durch Menorcas kleine und große Eigenheiten
Araber
Wie fast ganz Spanien wurde einst auch Menorca von den Arabern besetzt. Von 903 an gehörte die Insel zum Kalifat Córdoba und blieb knapp 400 Jahre unter islamischer Herrschaft, bis Alfons III. von Aragonien die Insel im Januar 1287 für das Christentum zurückeroberte. Die arabische Bevölkerung wurde versklavt, ihre Habe geplündert, ihre Bauwerke geschleift; heute sind kaum noch architektonische Hinweise auf die jahrhundertelange Muselmanenzeit zu finden. Arabisches Erbe ist hingegen in Form von Ortsnamen lebendig geblieben; die Vorsilbe bini bezeichnet einen Besitz »des Sohnes von …«, die Worte rafál oder cúdia beziehen sich auf ein Haus, eine Hütte, einen Ort auf einem Hügel.
Barrancs
Barrancs - Spanisch barrancos - sind Sturzwassergräben, die der Regen in Jahrtausenden in den weichen Kalkstein geschnitten hat. Durch 20 bis 40 m hohe Felswände vorm Nordwind geschützt, sind auf Menorca manche derart von der Natur begünstigte Plätze zu frühen Siedlungskernen geworden. Hier befinden sich die fruchtbarsten Felder und einige der artenreichsten Biotope (bis zu 200 Pflanzenarten) der Insel. 36 barrancs zählt man auf der geologisch erheblich jüngeren Südseite Menorcas. Auch viele der schönen Buchten der Südküste sind Ausläufer solcher Sturzwassergräben. Unbedingt sehenswert sind der Barranc d'Algendar zwischen Ferreries und Cala Galdana, der Barranc de Trebal_ger östlich davon und die barrancs von Son Bou, Es Bec und Son Boter.
Biosphärereservat
»Mensch und Biosphäre«, ein Komitee der Unesco, gab am 7. Oktober 1993 offiziell dem Antrag Menorcas auf den Titel Reserva de la Biosfera statt. Ein minuziöses Studium der Umwelt, der kulturellen, sozialen, ökologischen, landwirtschaftlichen und touristischen Gegebenheiten Menorcas war dem Antrag vorausgegangen. Denn die Voraussetzung für das Unesco-Prädikat ist nicht nur eine intakte Natur, sondern auch der Beweis dafür, dass der Mensch in der Lage ist, in seinem Umfeld zu leben, ohne es zu gefährden oder gar zu zerstören. Reserva de la Biosfera ist keine Medaille, die sich die Menorquiner ein für allemal stolz an die Brust heften dürfen, sondern ein dynamischer Prozess, in dem die Insel Jahr für Jahr belegen muss, dass Ökonomie und Ökologie, und damit auch Tourismus und Umwelt, verträglich nebeneinander existieren können.
Briten
Gleich dreimal haben die Briten Menorca im Lauf der Inselgeschichte erobert und besetzt. Das erste Mal geschah dies während des Spanischen Erbfolgekrieges. 1706 trat auf Menorca Joan Saura für den österreichischen Erzherzog Karl ein und konnte die meisten Inselgemeinden für seine Sache gewinnen. Der Inselgouverneur Diego Dávila verbarrikadierte sich in der Festung San Felipe und schlug 1707 mit französischer Unterstützung die Rebellion nieder. Als daraufhin im Herbst 1708 englisch-niederländische Truppen in der Cala d'Alcalfar landeten, ergab sich der Gouverneur fast kampflos. 48 Jahre britischer Herrschaft begannen. Nach der Eroberung durch die Franzosen 1756 erhielt Großbritannien die Insel 1763 im Frieden von Paris zurück. In den folgenden 19 Jahren unter britischer Hoheit wurde die Küstengarnison Georgetown (heute: Es Castell) gegründet. 1782 eroberten französisch-spanische Truppen die Insel abermals. Kurz darauf wurden Teile der Festung San Felipe gesprengt. 16 Jahre später wurden die Spanier jedoch durch einen erneuten Einfall der Briten, die 1798 an der Nordküste landeten, verdrängt. Diese letzte Engländerzeit währte lediglich vier Jahre; dann brachte der Friede von Amiens die Insel 1802 endgültig unter die spanische Flagge. Insgesamt hinterließ die fast ein Jahrhundert währende englische Herrschaft deutliche Spuren auf Menorca.
Consell Insular
Balearenweite Politik wird auf Mallorca betrieben. Dort ist der Govern Balear zuständig unter anderem für Energiewirtschaft und den Generalbebauungsplan mit Rückwirkungen auf die einzelnen Inseln. Daneben verfügt jede Insel über ein eigenes Regierungs- und Exekutivorgan, den Consell Insular (Inselrat). Menorcas Consell genießt seit langem den Ruf, der katalanischen Generalitat, der Autonomen Regierung Kataloniens, näher zu stehen als der vorgesetzten Regierung in Palma.
Franzosen
Ein Neffe des Kardinals Richelieu, Marschall Armand de Vignerot du Plessis, Herzog von Richelieu, bescherte Menorca ab 1756 ein siebenjähriges französisches Intermezzo, das trotz seiner nur kurzen Dauer Geschichte machte. So geht z. B. die Ortschaft Sant Lluís auf einen französischen Gründungsvater, den Grafen Lannion, zurück; der Soßen-Weltbestseller, die Mayonnaise, soll einer Inspiration des feinsinnigen Marschalls selbst entsprungen sein, und Wanderfreunde verdanken den Franzosen den längsten und streckenweise schönsten Weg der Insel: den Camí de Cavalls. Dieser »Pferdeweg« wurde ursprünglich um die gesamte Küste herum angelegt, um Truppen schnell verschieben zu können. Heute dient er dort, wo die betreffenden Grundbesitzer den Durchgang gestatten, ausgedehnten Spaziergängen.
GOB
Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der Grup Balear de Ornitologia i Defensa de la Naturalesa, eine private Vereinigung, die 1971 auf Mallorca als Vogelschutzbund begann und heute balearenweit über 5000 Mitglieder zählt. Einige Zeit nach der Gründung kam der Umweltschutz als Vereinsziel hinzu. Der GOB ist eine der großen und einflussreichen privaten Umweltschutzorganisationen Spaniens. Auskunft: GOB Menorca, Camí d'es Castell, 59, 1. Stock, Maó, Tel. 971 35 07 62, Bürozeiten Mo-Fr 9-14.30 Uhr, www.gobmenorca.com
Menorquí
Menorquí, das Menorquinische, zählt zu den ältesten heute noch gebräuchlichen Dialekten des català, des Katalanischen, einer der neun Sprachen romanischen Ursprungs, eingeführt auf den Balearen durch König Alfons III. von Aragonien im Jahr 1287. Im Übrigen haben alle Besatzungsmächte, Römer wie Araber, Franzosen und Engländer, ihre sprachlichen Spuren hinterlassen. Namentlich englische Vokabeln fallen im Sprachgebrauch auf. So schließt man etwa das vindou (Fenster), isst zu Mittag bifi (Rindfleisch, Fleisch), das auf dem tibord (Tablett, englisch tea board) serviert wird, oder hat schnell mal ein Gläschen getrunken, ha fet un trinqui (englisch drink). Català - bzw. dessen Dialekte - ist seit Februar 1983 neben dem kastilischen Spanisch gleichberechtigte Amtssprache auf den Balearen und erfreut sich unter der jüngeren Bevölkerung nach den Jahren der Unterdrückung aller Regionalsprachen durch die Franco-Diktatur großer Beliebtheit. Ortsnamen, etwa auf Straßenschildern, sieht man heute fast ausnahmslos in ihrer katalanischen Variante. Neben menorquí spricht man auch castellano, das Hochspanische, und häufig Englisch. Auf Deutsch sprechende Insulaner stößt man dagegen sehr viel seltener als auf Mallorca.
Naturschutz
Am 30. Januar 1991 trat auf den Balearen ein umfassendes Naturschutzgesetz in Kraft, das am im Dezember 1992 auf seinen endgültigen Stand gebracht wurde. Seither stehen 42,67 Prozent der Fläche Menorcas unter mehr oder minder strengem Schutz (im europäischen Durchschnitt liegt die Quote bei etwa 7 Prozent). Die ausgedehntesten Schutzgebiete umfassen die Küstenlinie (Ausnahmen: Raum Ciutadella und die Gegend südlich von Maó), weite Teile der Tramuntana, der Nordhälfte der Insel, aber auch große Gebiete im Raum Alaior, Cales Coves und Es Migjorn Gran.
Navetas
Die kleinen, lang gestreckten »Pyramiden« im Westen Menorcas, spanisch navetas, menorquinisch naus genannt, weil ihre Form an einen kieloben liegenden Schiffsrumpf erinnert, stammen aus der Bronzezeit (um 1500 v. Chr.) und dienten als Grabstätten. Die älteste - eines der ältesten Bauwerke Europas überhaupt - ist die Nau d'es Tudons, etwa 4 km von Ciutadella entfernt.
Richard Kane
Auf diesen Namen stößt man bei einem Menorca-Besuch häufig. 14 Jahre nach der ersten Besetzung der Insel durch die Briten wurde Richard Kane 1722 Gouverneur. Da sich besonders die Bewohner von Ciutadella gegen die Eroberer empörten, machte Kane kurzerhand die Stadt im Osten, Maó, zum Verwaltungssitz und zur Hauptstadt. Rechte und Besitzverhältnisse wurden weitgehend geachtet; die Änderungen, die der neue Gouverneur anregte, waren eher praktischer Natur. So ließ er z. B. den Camí d'en Kane, den Kane-Weg, zwischen Maó und Ciutadella befestigen, beschnitt die Macht der Inquisition und führte neue Nutzpflanzen, wie Äpfel, und neue Viehrassen ein. So soll er auch für den Ausbau von Menorcas Milchwirtschaft verantwortlich sein. Während sich Klerus und Adel schmollend nach Ciutadella zurückzogen, wuchs der Respekt der Landbevölkerung vor dem Gouverneur - ein Umstand, der seinen Nachfolgern Anstruther, Wynayard und Murray versagt blieb.
Talaiots
Diese prähistorischen Bauten, die auch auf anderen Baleareninseln zu finden sind, gehen auf das 14. bis 8. Jh. v. Chr. zurück. Bisher wurde angenommen, dass es sich bei den talaiots um Wachtürme und Wohnhäuser handelte. Neuere Untersuchungen weisen jedoch auch auf eine religiöse bzw. zeremonielle Nutzung der Bauwerke hin, die oft aus großen, grob behauenen Steinquadern und immer ohne Verwendung von Mörtel zusammengesetzt sind. So unterliegen insbesondere die Abmessungen und die Ausrichtung vieler talaiots offenkundig eigenen Gesetzmäßigkeiten, die zurzeit noch erforscht werden.
Tanques
So nennen sich jene Felder Menorcas, die von einem ohne Mörtel errichteten Steinwall umgeben sind und zumeist durch ein Gatter verschlossen werden. Insgesamt soll die Länge aller derartigen Natursteinmauern auf der Insel an die 15 000 km erreichen.
Taules
In der Inselmythologie wurden die »Tafeln« oder »Tische« von einem ausgestorbenen Riesengeschlecht als Mobiliar benutzt. Frühe Inselarchäologen sahen in den mindestens 2 bis über 3 m hohen Steinplatten mit horizontalem Schlussstein, der eigentlichen taula, die blutigen Wirkungsstätten Menschen opfernder keltischer Druiden. Wahrscheinlicher ist, dass die taules selbst eine Gottheit repräsentierten, beispielsweise einen Stier. Fast immer ist das zentrale steinerne T von einem Monolithenkreis umgeben. Die gesamte Anlage, in der ein ständiges Feuer brannte und in der Tieropfer dargebracht wurden, diente zweifellos kultischen Zwecken.
Tiere
Einige Spezies aus dem Tierreich kommen nur oder besonders reichlich auf Menorca vor. Dazu gehören der eher hässliche kleine weiße Geier moixeta (Neophron percnopterus), hauptsächlich an der Nordküste beheimatet und der einzige seiner Art, der keinen winterlichen Zug nach Süden antritt, der Königsmilan (milano real), der vor allem an den Steilhängen der Küsten und in hoch gelegenen Baumkronen größerer Wälder sein Nest anlegt, sowie die kurzbeinige Balearenspitzmaus (Crocidura suaveolem balearica), die, extrem scheu, im Schatten und in Mauerritzen lebt.