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Kulturelles Erbe im Zeichen von Tourismus und Umweltschutz

Von Arxiduc bis Talaiots

Arxiduc

Kaum ein anderer prominenter Inselgast wurde und wird so verehrt wie Ludwig Salvator von Habsburg, Lothringen und Bourbon, Erzherzog (Arxiduc) von Österreich. Schon als junger Mann überraschte er die Wiener Hofburg mit seiner außerordentlichen Sprachbegabung und seinem Widerwillen gegen das höfische Leben. Mit vorgetäuschtem Asthma schickte man ihn ans Mittelmeer. 1867 ankerte er zum ersten Mal mit seiner Yacht »Nixe« vor der bizarren Halbinsel Sa Foradada an Mallorcas Nordwestküste, unterhalb seines späteren Altersruhesitzes Son Marroig. Er verliebte sich nicht nur in die Schönheit der Insel, sondern auch in manche Inselschönheit. In 40 Jahren schrieb er über 70 Bücher, vor allem das zunächst sieben-, später zweibändige Kolossalwerk »Die Balearen in Wort und Bild«, das er auch selbst illustrierte. Er erwarb ein Stück Land nach dem anderen zwischen Deià und Valldemossa, um die herrlichen, uralten Ölbäume vor den Äxten der Bauern zu schützen, restaurierte Herrensitze und ließ Pfade in den Bergen anlegen, die heute als Wanderwege dienen. Er war der erste Naturschützer der Insel.

Einwanderer

Maghrebinische und chinesische Händler auf dem Bauernmarkt von sa Pobla, peruanische und polnische Zimmermädchen im Hotel, deutsche und britische Fincabesitzer im Golfclubcafé - derzeit sind 126 000 Ausländer, davon 28 000 deutsche, auf den Balearen gemeldet. Dazu kommt noch eine große Zahl illegal auf den Inseln lebender Residenten. Man schätzt, dass bereits etwa jeder vierte Insulaner ein Zugereister ist. Mallorca ist ein multikultureller Minikosmos geworden, in dem Menschen verschiedener Herkunft, Sprache und Religion (noch) friedlich nebeneinander leben. Weil die wenigsten europäischen Neuinsulaner die spanische oder gar katalanische Sprache lernen, bleiben sie meist unter sich, treffen sich allenfalls in Clubs und Vereinen mit ihresgleichen. Mallorquiner sehen dieser Entwicklung in der Regel gelassen zu.

Finca

Finca bedeutet eigentlich Grundstück, meint jedoch inzwischen mehr das Haus auf einem Stück Land. Meistens handelt es sich um ein rustikales Bruchsteinhaus, ockerfarben und massiv, oft mit jahrhundertealter Patina und Geschichte. Nachdem viele Fincas nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wurden, verfielen sie, bis in den 1980er-Jahren britische und deutsche Agenturen und Veranstalter darangingen, Fincaferien in ihren Ländern anzubieten. Dazu mussten die alten Häuser vorher mit modernem Komfort versehen werden. So entstand eine reizvolle Urlaubsvariante abseits vom Rummel der Badeküsten und mitten im beschaulichen Hinterland. Inzwischen vermieten nicht nur Mallorquiner, sondern auch ausländische Zweitwohnsitzler ihre Fincas an Landsleute.

Flora und Fauna

Mallorca ist immer grün. Und Mallorca ist eine Insel der Bäume. Schon beim Anflug faszinieren die weiten Mandelbaumplantagen auf zumeist roter Erde, aber auch die Bergterrassen mit weitläufigen Ölbaum- und Zitrusbaumhainen. Mandel- und Feigenbäume verlieren für etwa drei Monate ihre Blätter, wobei die Mandelblüte von Mitte Januar bis März und die Orangenreife im Winter der Insel zusätzlich Farbe verleihen.

Etwa 1500 Pflanzenarten kennt man auf der Insel, darunter allein an die 100 Orchideenarten. Sommergäste erfreuen sich besonders am rotlila Farbenrausch der Bougainvillea, die Hauswände und Torbogen überrankt, am Oleander, der ganze Straßenzüge und Autobahnen säumt, am Feuerrot des Hibiskus und an haushohen Palmen. Millionenfache erste Frühlingsboten im Januar sind die weißrosa Mandelblüten. Ihnen folgen im März gelbe und weiße Margeriten, die wie Teppiche Felder und Äcker bedecken. Der April beschert lila Wildgladiolen, der Mai feuerroten Mohn. Nach den ersten Regenfällen im Herbst beleben gelber Sauerklee und orangefarbene wilde Ringelblumen die Natur. Steineichenwälder bedecken 150 km² der Serra de Tramuntana, in ausgedehnten Aleppokiefernwäldern ertönt im Hochsommer das ohrenbetäubende Konzert der Singzikaden.

So reich die Insel an Pflanzen ist, so arm ist sie indes an Tieren. Großwildarten sind nicht anzutreffen. Was es gibt, sind Wildkaninchen, Feldhasen, Marder, Ratten, Mäuse sowie verwilderte Ziegen, die mit ihrem Verbiss viel Schaden anrichten. Zahlreiche Insektenarten, vor allem aber Vögel bestimmen die Inselfauna. Raubvogelarten werden teilweise rekultiviert, weil sie auszusterben drohten.

Am und im Meer können Feriengäste den gefräßigen Kormoran entdecken, die in Felsspalten lauernde Muräne, zahlreiche Muschel- und Schneckenarten, jede Menge Krebstiere und viele Fischarten, von der Sardine bis zum Seeteufel.

GOB

Der Grup Balear de Ornitologia i Defensa de la Naturalesa, kurz GOB genannt, ist eine private Vereinigung, 1971 als Vogelschutzbund gegründet und inzwischen zu einer einflussreichen Umweltschutzorganisation herangewachsen. Der GOB zählt heute 7000 Mitglieder auf den Balearen, 5500 allein auf Mallorca, Einheimische und Residenten verschiedener Nationalitäten und Berufe. Bald nach ihrer Gründung zwang diese Bewegung die Politiker zum Umdenken: weg von einer expansiven Tourismuswirtschaft und hin zu einer mehr umwelterhaltenden Politik. Ihrem Druck war es zuzuschreiben, dass die Inselregierung in den 1980er-Jahren ganze Buchten, Strände und Inseln zurückkaufte, die bereits an Investoren zur Bebauung freigegeben waren. Für Interessenten: GOB, Palma, Carrer Verí, 1, Mo-Fr 9-13 Uhr, Tel. 971 72 11 05, www.gobmallorca.com

Inseldaten und -zahlen

Vor etwa 15 Mio. Jahren wurden die Balearen durch den Druck, den die afrikanische Kontinentalplatte auf die europäische ausübte, aufgefaltet. Mit 3640 km² ist Mallorca die größte der fünf Balearen-Hauptinseln, gefolgt von Menorca, Eivissa (Ibiza), Formentera und Cabrera. Dazu kommen noch an die 190 unbewohnte Eilande. Heute leben auf Mallorca mehr als 750 000 Menschen, 380 000 von ihnen in Palma, der Hauptstadt.

Die Balearen haben einen politischen Autonomiestatus (Comunitat Autónoma de les Illes Balears) ähnlich den deutschen Bundesländern. Der Govern Balear mit 59 Abgeordneten betreibt balearenweit Politik; darüber hinaus hat jede Insel mit ihrem Consell Insular, dem Inselrat, ein eigenes Regierungsorgan. Gegenwärtig regiert die konservative Volkspartei PP.

Seit den 1960er-Jahren lebt Mallorca, mehr als alle anderen Baleareninseln, vom Tourismus. 80 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet der Fremdenverkehr einschließlich der damit zusammenhängenden Wirtschaftszweige. Andere Erwerbszweige werden immer mehr an den Rand gedrängt. So steuert die Landwirtschaft heute nur noch knapp 1,5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Eine nennenswerte Industrie gibt es auf der Insel nicht. Das kommt zwar dem Tourismus entgegen, bringt jedoch auch alle Nachteile, die aus einer Monokultur entstehen, besonders bei einem Tourismus, der stark saisonabhängig ist. Trotzdem rangieren die Balearen mit ihrem Pro-Kopf-Einkommen an erster Stelle aller spanischen Regionen. Allerdings ist das Leben auch in keiner Region der Iberischen Halbinsel so teuer wie auf Mallorca.

Mallorquí

Auf Mallorca ist die erste Amtssprache català, das Katalanische. Das mallorquí ist ein katalanischer Dialekt. Katalanisch ist eine eigenständige romanische Sprache, die heute von mehr als 7 Mio. Menschen gesprochen wird.

Nach der Eroberung Mallorcas 1229 durch Jaume I. wurde das català auf der Insel eingeführt. Gegen Ende des 13. Jhs. hatte es sich in allen Bereichen durchgesetzt. Anfang des 18. Jhs. verlor das Katalanische im Zug des Spanischen Erbfolgekriegs seinen offiziellen Charakter, den es erst in der Zweiten Republik (1931-36) zurückerhielt. Nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs 1939 wurden katalanische Sprache und Kultur regelrecht verfolgt. Francos Regime verordnete landesweit das castellano, also das, was außerhalb Spaniens unter Spanisch verstanden wird. Erst der Demokratisierungsprozess nach Francos Tod und die Autonomiebewegungen gaben den Mallorquinern ihre Heimatsprache zurück. Seit 1991 werden Orts- und Straßennamen nur noch in mallorquí wiedergegeben, das sich vor allem durch einen zusätzlichen, so genannten balearischen Artikel vom català unterscheidet (z. B. ses Salines).

Miradors und Talaias

Miradors sind Aussichtspunkte und als solche auf Landkarten, an Landstraßen und markanten Panoramaplätzen zu finden. Manchmal werden sie auch mit dem Symbol einer Kamera angekündigt. Sie sollten sich nicht scheuen, an solchen Punkten anzuhalten und Auge oder Kamera oder beides zu bemühen, auch wenn bereits Hunderttausende vor Ihnen dasselbe getan haben. Die großartige Küstenstraße in der Serra de Tramuntana zwischen Andratx und Kap Formentor ist reich an solchen miradors. Allein schon die talaias, die runden Wacht-, Signal- und Verteidigungstürme, deren es über 80 rund um die Insel gegeben haben soll und von denen noch etwa 50 existieren, wurden fast immer zu miradors, was in Anbetracht ihrer Lage hoch über der Küste nicht verwundert.

Prominenz

Keine Geringeren als Ihre Majestäten, König Juan Carlos I. und Königin Sophia führen das nicht enden wollende Aufgebot prominenter Inselbesucher an. Jahr für Jahr fliegen sie wie die Zugvögel ein, die Stars und Sternchen der Unterhaltungsbranche, des Film- und Showgeschäfts, des Sports, Politiker und Journalisten, Topmanager, Models und Starköche, Künstler aller Couleur, Lebenskünstler, Playboys, und, und, und. Man trifft sich vorzugsweise in den Häfen von Andratx und Portals Nous und neuerdings in Camp de Mar. Speziell im Hochsommer hat die Regenbogenpresse Futter satt. Die Palette reicht von Claudia Schiffer über Peter Maffay und René Kollo, Franz Beckenbauer und Boris Becker, Sabine Christiansen und Jan Hofer, Gerhard Schröder und Helmut Kohl eben bis zum König von Spanien. Ohne Ende, denn Prinz Felipe und Prinzessin Letizia besitzen schließlich mit Son Vent eine bildschöne, eigene Residenz auf Mallorca.

Talaiots

Talaia heißt Wacht- oder Aussichtsturm. Mit dem davon abgeleiteten talaiot bezeichnet man prähistorische Megalithbauten, die auf Mallorca und anderen Baleareninseln vorkommen. Man nimmt an, dass diese Siedlungen, die von 1300 v. Chr. bis hinein in die römische Besatzungszeit existierten, religiösen Zwecken dienten. Meistens stand der Wachtturm im Zentrum, bis zu 8 m hoch und aus tonnenschweren Steinblöcken errichtet. Mehr als 100 solcher vorgeschichtlicher Siedlungen gibt es auf Mallorca.