Traumhaftes Inseldoppel: Ibiza mit sommerlichem Highlife und neuen Trends im Landhaustourismus, Formentera steht für Stille und pure Natur
Das waren noch Zeiten«, sagt Hotelier Joakim Brattlöf, lacht und schwenkt sein Gläschen Wein. »Damals, zu Franco-Zeiten, haben wir den Kaufvertrag des Grundstücks hier bei Sant Josep auf einer Papierserviette in der Bar aufgesetzt.
Dann kamen die Unterschriften des Eigentümers und meines Vaters drunter, das war's.« Was sich wie eine Story aus wildromantischen Pionierzeiten anhört, liegt erst ein paar Jahrzehnte zurück. Seitdem hat sich Ibiza in rasendem Tempo verändert, ist wie ein Komet an die Spitze der europäischen Ferienziele geschossen.
Die berauschende Urlaubsinsel im Mittelmeer stieg zum Inbegriff von Sun & Fun auf, von Sex & Drugs & Alcohol und reichlich One-night-stands. Nicht zu Unrecht, denn die im Winter jungfräulich daliegenden Straßen und Plätze verwandeln sich zur wärmsten Jahreszeit in heiße Spots: Schaubühnen, Laufstege, Anmachmeilen, Tummelbecken von Jetset und Alt-Hippies, sündhaftes Pflaster unter freiem Himmel. Hier geizt man weder mit Reizen noch spart man an phantasievollen Outfits, bei dem sich spannt und hervorlugt, was andernorts überdeckt gehört. Ob Frau oder Mann, ist beim freizügigen Geben und Nehmen egal - inmitten knisternder Erotik und bei gestiegenem Promillepegel erkennt man den kleinen Unterschied ohnehin nicht immer auf den ersten Blick.
Ibizas legendäre Sommernächte werden zum Tag, der Tag verschwimmt vor Augen, getagt wird überall. Unter solcherlei Vorzeichen schwebt Europas Jugend unverändert zum Dauer-Event ein.
Man vergnügt sich in Gay- und Cocktailbars, tanzt sich in Szenetreffs und Megadiskos die Lunge aus dem Leib, trifft sich nach den relaxenden Stunden am Strand zu Sundownern und Schaumpartys, zieht sich die Dauerdröhnung ins Trommelfell und die knackigsten Partner unters Laken. Wer hierher kommt, weiß, was er will und sucht - besinnliche Ruhe ganz bestimmt nicht. Oder doch? Denn auch heute gibt es noch das »andere«, das beschauliche Ibiza, das einen Besuch zu jeder Jahreszeit lohnt und das mit seinem Zauber aus Farben, Licht und Gerüchen schon zu Beginn des 20 Jhs. zahlreiche Künstler und Intellektuelle aus ganz Europa in seinen Bann zog. Heimlich, still und leise ist den letzten Jahren auch in diesem Bereich die Infrasruktur verbessert worden. Fernab von wummernden Bässen führen Rad- und Wanderwege durch abgeschiedene Pinienwälder, Berge und Buchten laden zu Entdeckungen ein, einsam gelegene Fincas bieten urige Unterkunft und erstklassigen Service.
Der Tourismus auf dem Lande boomt, sodass Joakim Brattlöf und die ursprünglich aus Schweden stammenden Seinen plötzlich voll im Trend liegen. Nach dem Serviettenvertragswerk aus der Kneipe folgte der mühsame Aufbau des Brattlöfschen Hotels Victoria, heute eine beliebte Anlaufstation für Naturfans.
Für flexible Bike- und Wandergäste hält Chef Joakim, der sich längst als halber Ibicenco fühlt, seine Tipps bereit: »Vor dem Hotel den Weg runter, an der Gabelung rechts ein Stück über die Piste und dann einfach hoch in die Hügel. Überall findet man herrliche Pfade, natürlich unbeschildert - gerade das macht es spannend!«
Ibiza und Formentera bilden ein faszinierendes Inseldoppel, das zu den Balearen gehört und unter dem Begriff Pityusen firmiert. Schon Karthager, Römer und Mauren fühlten sich hier pudelwohl, während sich die wahre Weltgeschichte an anderen Orten abspielte. Ibiza und Formentera schwammen allenfalls am Rande mit und öffnen sich demzufolge heute nicht gerade als kulturelle Schatztruhen.
Aus frühzeitlichen Epochen haben sich mancherorts Reste in Form von Hausfundamenten und Gräbern erhalten, die klobigen Wachtürme an den Küsten legen Zeugnis von den stets befürchteten Piratenattacken zwischen dem 16. und 18. Jh. ab. Auch viele Kirchen tragen Wehrcharakter; im Zweifelsfall verschanzte man sich im Gotteshaus und wehrte Angriffe der Türken unter dem Zeichen des Kreuzes ab.
Der steten Furcht vor Feindesvorstößen ist die eindrucksvolle Silhouette von Eivissa zu verdanken, der stark befestigten Hauptstadt Ibizas. Das historische Hügelviertel Dalt Vila schließt mit gewaltigen Mauerverbünden und Bollwerken ab und zählt zum Weltkulturerbe der Unesco - und das erfüllt alle Insulaner mit Stolz! Wie viele unter ihnen rein ibizenkisches Blut in den Adern haben, lässt sich kaum ermessen. Offiziell beziffert man die Einwohnerzahl von Ibiza mit rund 100 000, die von Formentera mit etwa 5000 Menschen.
Längst haben viele Auswärtige auf den Inseln eine neue Heimat gefunden, darunter viele residentes aus unterkühlten mittel- und nordeuropäischen Sphären. Im Juli und August schwitzen sie allesamt um die Wette, zu Jahresbeginn weiden sie sich am Anblick der Mandelblüte und genießen an manchem Wintertag das Frühstück auf der Terrasse. Der Traum von ewiger Wärme wird allerdings nicht unbedingt wahr: Wohl dem, der zur Weihnachtszeit eine Heizung im Haus hat - und im Sommer eine Klimaanlage!
Auf den Pityusen bleibt alles in überschaubarem Rahmen. Ibiza bringt es auf eine Größe von 572 km², Formentera misst gerade einmal 82 km². Autobahnen sucht man vergebens, während staubige Schotterpisten häufiger auftauchen als erwartet. Ibiza und Formentera liegen in Sichtweite voneinander, zwischen beiden Inseln herrscht reger Fährverkehr.
Strände gibt es wie Sand am Meer, allein auf Ibizas offiziellen Inselplänen sind mehr als 50 verzeichnet. Allerdings reihen sich die Strandareale nicht nahtlos aneinander. Manche sind nur zu Fuß erreichbar, liegen in malerischen kleinen Buchten und sind beidseits von messerscharfen Klippen begrenzt. Das wohl temperierte Wasser glänzt hellblau bis türkis, weit draußen liegen Jachten auf Reede, aus den Beachrestaurants strömen appetitanregende Düfte - typische Eindrücke von den Pityusen. Für Kontraste sorgen Täler im Inland und eine vielfältige mediterrane Pflanzenwelt mit Lavendelsträuchern und Wacholder, Kiefern und wilden Kräutern, Kakteen und Agaven. Feigen- und Johannisbrotbäume, Mandelhaine und Weingärten fügen sich harmonisch ins Bild. Sieht man einmal vom modernen Eivissa und den beiden nächstgrößeren Städten Sant Antoni und Santa Eulària ab, fällt die verstreute Besiedlung auf. Als stille Wahrzeichen sind die kalkweißen Häuser allgegenwärtig.
Der Natur kommt ein besonderer Stellenwert zu, weite Gebiete stehen unter strengem Schutz. So wie die alten Salinen, die auf beiden Inseln als Vogelschutzzonen hervorstechen. Am höchsten hinaus geht es auf Ibizas Berg Sa Talaia, einem dicht bewaldeten Buckel von 475 m Höhe mit phantastischen Freiblicken über Hügel und Meer. Formentera hingegen zeigt sich von wesentlich flacherer Gestalt und ganz auf Natur geeicht. Im Norden züngeln sich die Strände bis ans vorgelagerte Eiland Espalmador heran, im Osten wirft sich das Hochplateau La Mola um den Berg Sa Talaiassa bescheidene 192 m auf.
Zum Glück steht nicht alles im Zeichen des Fremdenverkehrs, der den Inseln mit rund 1,6 Mio. Besuchern pro Jahr einen deutlichen Stempel aufdrückt und die wichtigste Einnahmequelle bildet. Abstoßende Bettenburgen sind eher die Ausnahme, und Unternehmungslustige entdecken überraschend unbeleckte Dörfer. Hier begegnet man sogar noch Alten, die durch die Gassen schlurfen und den Fremden freundlich grüßen.
In ihrer Traditionspflege stehen die Einheimischen den übrigen Spaniern in nichts nach und feiern die Feste, wie sie fallen. Mit Hingabe pflegen sie Bräuche und Traditionen, formieren sich bei Patronatsfeiern in bunten Trachten zu Tänzen, legen golden glänzende Geschmeide an und hören dem Gottesdienst des Inselbischofs in der überfüllten Dorfkirche andächtig zu. Auf català, versteht sich, der hier verbreiteten katalanischen Sprache. Ansonsten spricht jeder Spanisch, im florierenden Tourismusbusiness manch einer Deutsch.
Was nicht heißt, dass man aus Sicherheitsdenken heraus eine Schweinshaxe bei »Hühner-Karl« im Hafen von Santa Eulària ordern muss. Die einheimische Kost lässt keinen kulinarischen Tiefschlag befürchten. So laden die Inseln nicht zuletzt dazu ein, den Genusshorizont zu erweitern. Mit einem arròs amb peix zum Beispiel, einem typischen Fischreis. Dazu empfiehlt sich ein guter Tropfen der lokalen Bodegas Can Rich oder Sa Cova - einfach köstlich. Und dann mit frischen Kräften ab zu neuen Entdeckungstaten auf Ibiza und Formentera!